Was soll er denn einmal werden?
Nämlich Ihr Sohn. Ja, wie ist er denn? Von leichter
Trägheit? mehr schlau als klug? mehr Sitzfleisch als Charakter?
etwas Intrigant?
Kaufmann . . . nein, Sie haben recht: dazu gehört, trotz der
Bürokratisierung der deutschen Industrie, Initiative, wenn er
nicht ewig ein Pultknecht bleiben will, Entschlußkraft,
Fixigkeit: sonst wird es nichts. Kaufmann – das ist wohl nichts für
ihn.
Zum Ingenieurberuf hat er keine Neigung? Arzt? nein? Künstlerische
Anlagen – nicht? Seien Sie froh. Aber was sagen Sie da? Es gibt nur
eine Sache auf der Welt, die er scheut? Erzählen Sie bitte.
Ihr Junge ist der Mensch, der seit seiner frühesten Kindheit
›nichts dafür kann‹? Der ständig, immer und unter allen
Umständen, ablehnt, die Folgerungen aus seinem Verhalten zu
ziehen? der die Vase nicht zerbrochen hat, die ihm hingefallen ist?
der die Tinte nicht umgegossen hat, die er umgegossen hat? der immer,
immer Ausreden sucht, findet, erfindet . . . kurz, der eine gewaltige
Scheu vor der Verantwortung hat? Ja, dann gibt es nur eines.
Lassen Sie ihn Beamten werden. Da trägt er die Verantwortung,
aber da hat er keine.
Nehmen wir einmal an, der Junge werde Lokomotivführer, und da
geschieht es ihm, daß er aus Übermüdung nach zehn
Stunden Dienst, aus Unachtsamkeit, aus einem jener unerklärlichen
Zufälle heraus ein Signal überfährt und seinen Zug auf
einen andern setzt. Achtundzwanzig Tote, neununddreißig
Schwerverletzte. Wie meinen Sie? Er kann sich auf den Nebel berufen,
sich auszureden versuchen . . . ? Ah, Sie kennen Ihr eigenes Land
nicht! Es wird ihm alles nichts helfen. § 316 StGB – Gefängnis
von einem Monat bis zu drei Jahren, und wenn er auf einen tüchtigen
Staatsanwalt trifft, so wird der schon noch etwas andres für ihn
herausfinden . . . haben Sie keine Sorge, Ja, es ist eben ein
verantwortungsvoller Posten, und den Letzten beißen die Hunde.
Als Arzt ist die Sache schon einfacher – eine Verurteilung bei
Kunstfehlern ist nur auf Grund von Gutachten möglich, und ehe da
einer den andern hineinreitet . . . aber immerhin: möglich ists
schon.
Als Kaufmann . . . bedenken Sie bitte, was geschieht, wenn er in
einem großen Betriebe ernsthaft patzt. Ist er ein kleiner
Angestellter, fliegt er sofort hinaus – ist er ein großer, so
kann er sich zwar drehen und wenden, aber die Börse hat ein
wirklich Gutes: sie ist im besten Sinne wundervoll verklatscht, und
wer dort einmal als unzuverlässig ausgeschrien wird, der hats
sehr schwer. Das Gesetz? Ach, das interessiert die Börsianer
nicht so sehr. Sie machen sich ihr Gesetz allein, und es ist besser
als das geschriebene, das kann ich Ihnen versichern. Es gibt da so
eine Art stillen Boykotts, ganz leise, fast unmerklich –
auf einmal ist es mit dem Verfemten vorbei. Die
Frage dieser Verantwortung regelt sich ganz von selbst.
Überall also, liebe Frau, wird Ihr Junge, wenns hart auf hart
geht, für das einstehen müssen, was er angerichtet hat. Das
ist schon so im Leben.
Nur an einer Stelle nicht. Nur in einer Klasse Menschen nicht. Nur
in einer einzigen Position nicht. Als Beamter.
Wie das gemacht wird? Und obs auch keiner merkt? In welchem
Erdteil leben Sie? Auf dem Mond?
Zunächst kommt es zur Erlangung einer Beamtenstellung in
zweiter Linie auf die Kenntnisse an. In erster darauf, daß
jener dem Beamtenkörper, in den er eintritt, auch paßt,
daß er sich mühelos in den Organismus einfügt, der
nicht etwa, wie Sie, liebe Frau, zu glauben scheinen, der
Zusammensetzung der Bevölkerung entspricht. Dieser Körper
hat vielmehr seine eigenen Gesetze, seine von ihm und für ihn
erfundenen Tugenden und Fehler, er nimmt nur an, was ihn
lebenstüchtiger macht, und er stößt mit unfehlbarem
Instinkt ab, was ihn schwächen könnte. Er führt ein
Eigenleben. Er schwimmt oben wie öl auf dem Wasser.
Ist es ihm nun gelungen, hier einzudringen, hat er die
durchschnittlichen Kenntnisse, und ist er dem Organismus genehm, dann
sitzt er so ziemlich wie in Abrahams Schoß. Verstößt
er nur nicht gegen die ungeschriebenen Regeln eines stillen Codex,
poltert er nur nicht gegen die ehernen Pfeiler dieses unsichtbaren
Doms –: dann wird ihm nichts geschehen.
Erleben Sie es oft, daß dieser Beamtenorganismus seine
Angehörigen an die Strafbehörden ausliefert? Das geschieht
fast nie. Also, so denken Sie, liebe Frau, wird da wohl auch nichts
vorkommen. Es kommt aber genau so viel vor wie in allen andern
Berufen – nur kräht kein Richter danach, weil eine Krähe
. . . nehmen Sie nur einen Stuhl, liebe Frau, und hören Sie gut
zu.
Wenn zum Beispiel jemand, sehend oder blind, die Valuta seines
Landes zugrunde richten läßt, so daß Millionen von
Menschen ihr sauer erspartes Vermögen bis auf den letzten
Pfennig verlieren; wenn einer die Arbeiter niederschießen läßt,
wo sie nur stehen, und wenn er sich brutaldumpf in der Sonne der
Gunst uniformierter Verbrecher spiegelt; wenn einer ableugnet, daß
es in seinem Bereich jemals Verstöße gegen das Gesetz
gegeben hat, wenn seinetwegen die Leute in den Gefängnissen und
Zuchthäusern zu Hunderten sitzen; wenn sich einer bei Vergebung
von staatlichen Krediten von einem gerissenen litauischen Pferdejuden
übers Ohr hauen läßt, weil seine in der
Beamtenlaufbahn ersessenen Kenntnisse es ihm nicht gestatten, wie ein
moderner Kaufmann zu disponieren; wenn einer aus Karrieresucht, aus
falsch verstandener Schneidigkeit, aus Autoritätssadismus ein
Todesurteil fahrlässig durchdrückt, dessen
zugrunde liegende Indizien zusammengeschludert sind . . . was meinen
Sie, liebe Frau, geschieht mit solchen, wenn ihre Untaten bekannt und
erkannt sind?
Dann machen sie Erholungsreisen, liebe Frau. Dann fahren sie um
die Welt, liebe Frau. Von jenem Schreibersmann Michaelis an, der
einer bereits geistesschwach gewordenen Umwelt als Reichskanzler
präsentiert wurde, bis zum letzten Kriegsminister –: es ist
immer dasselbe. Vorher, wenn sie am Werk sind, reißen sie das
Maul auf und weisen auf die schwere Verantwortung hin, die sie
tragen. Ja, worin besteht denn die –? Etwa, wie bei jedem Kaufmann
und Chauffeur, in der Möglichkeit, bei fahrlässig
herbeigeführtem Mißerfolg strafrechtlich zu büßen,
was staatsrechtlich begangen wurde? Daran kann sich kein Deutscher
gewöhnen. Das Äußerste, was sich diese verkorksten
Revolutionäre abringen, sind, erschrecken Sie nicht, liebe Frau,
›Untersuchungskommissionen‹; die kommissionieren und untersuchen
und fragen und lassen sich von den Zeugen anschnauzen und kuschen und
lassen Protokolle drucken und sitzen dann wieder auf geduldigen
Gesäßen . . . Bestraft wird keiner. Mit seinem Vermögen
zahlt keiner. Eingesperrt wird keiner. Ein Versuch, ein einziger, und
der deutsche Beamte täte überhaupt nichts mehr. Was? Er
soll wirklich und wahrhaftig die Verantwortung tragen, wenn er etwas
falsch gemacht hat? Er soll büßen, wenn er etwas
ausgefressen hat? Während er doch nur, liebe Frau, ausführte,
was ihm seine vorgesetzte Behörde befahl, oder während der
Fehler doch nur bei der untergeordneten Behörde lag, oder
während es sich nur um einen Kompetenzkonflikt handelte? Liebe
Frau –!
Wenn Ihr Junge in der Schule nicht versetzt wird, dann darf er mit
Ihnen nicht ins Theater gehen. Wenn ein Minister seine Aufgabe bis
zum blamablen Zusammenbruch verfehlt hat, Fehler auf Fehler gehäuft,
gelogen, aber schlecht gelogen, so schlecht gelogen, daß nicht
einmal das Gegenteil von dem wahr war, was er sagte, geschoben, aber
dumm geschoben, getäuscht, aber unvollkommen getäuscht –:
dann geschieht was? Dann fährt er, unwiderruflich, liebe Frau,
ins Ausland. Zur Erholung, liebe Frau.
Und so sieht sein Tag aus –:
Er erwacht in einem schönen sprungfedrigen Bett, in einem
weiten, gut gelüfteten Raum, im Hotel etwa . . . Er dehnt und
streckt sich noch einmal, denn ins Amt braucht er heute nicht zu
gehen, sacht erhebt er sich, wäscht sich mit wollüstiger
Langsamkeit, so gründlich, wie es in der jeweiligen Familie
üblich ist; er bindet sich den Stehkragen um, merkwürdig,
welche Vorliebe deutsche Minister für Stehkragen am falschen Ort
haben! – und dann wandelt er hinaus ins Freietwa in die
südamerikanische Landschaft oder in die asiatische; dort wird er
festlich empfangen und hofiert, und Diener machen Verbeugungen,
und er besichtigt irgend etwas: ein Nationaldenkmal
oder eine Kinderwagenfabrik oder eine Universität für
taubstumme Opernsänger . . . Seine Landsleute umstehen ihn. Und
dann wird es plötzlich still um ihn, und er hält eine Rede,
und während auf seinem Herzen der Brief der Deutschen Republik
knistert, die ihm mitteilt, daß die fällige Quote seiner
Pension, wie verabredet, an die Disconto-Gesellschaft überwiesen
worden ist, hält er seine Rede und beschimpft sehr vorsichtig,
sehr fein, mit jener verschlagenen Dummdreistigkeit, die das
hervorragende Kennzeichen seines Standes ist, eben diese Republik. Er
weiß: sie wehrt sich nicht. Er war ja die Republik; er kennt
sie.
Und dann, liebe Frau, fährt er im Auto umher oder in einer
Dampfbarkasse und sieht mit seinen runden Brillenaugen die schöne
Welt an, die ihm eine Staffage ist, er sieht sie an wie ein
besichtigender General, mit jenem Blick, der vorgibt, alles zu sehen,
und der doch blind ist bis in den letzten Nerv hinein – und dann
setzt er sich mit Muttern, denn Mutter hat er mitgenommen, aufs
Schiff und fährt zurück in die liebe Heimat. Und da wird er
dann Aufsichtsrat, wegen seiner guten Beziehungen zu den Behörden,
und weil er beamtisch sprechen kann; und intrigiert ein bißchen
in den politischen Parteien, und wenn er besonders wild ist, dann
aspiriert er auf den Präsidentenposten . . . liebe Frau, die
Welt ist so reich.
Man nennt das: Studienfahrt.
Und währenddessen hocken seine Opfer in den Zellen; und
währenddessen schuften die von ihm geschädigten alten Leute
wieder in irgendeinem Papiergeschäft oder trappeln als
Versicherungsagenten auf den Straßen; und währenddessen
prozessieren Tausende seinetwegen, und laufen Zehntausende auf ein
Amt, und klagen Hunderttausende, denen er durch seine Politik das
Lebensglück abgeschnürt hat . . . immer mit der
Verantwortungie der Blitz aber verschont hat, stehen mit pfiffigen
Mienen herum, nennen ihre charakterlose Schwäche Demokratie, und
wenn jener Geschichten macht, so sagen sie: »Die Geschichte
wird richten.« Das tut nicht weh.
Eher, liebe Frau, bricht sich einer, der auf einen Stuhl steigt,
ein Bein, als daß einem deutschen Minister etwas passiert, und
wenn er noch so viel Böses angerichtet hat. Es ist das
gefahrloseste und das verantwortungsloseste Metier von der Welt.
Liebe Frau, lassen Sie Ihren Sohn Beamten werden.
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Ignaz Wrobel
Die Weltbühne, 10.07.1928, Nr.
28, S. 60,
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